CD 888216
Tutu CD 888 216

Enver Izmailow & Geoff Warren
Harvest Moon

ART OF THE DUO
Geoff Warren (concert flute, alto- & bass flute, soprano saxophone)
Evner Izmailov (electric guitars & vocals)

Titel:
Rising with the Lark / So Near, So Far Away / Scholocho / Colours of Satsumas / Moldovian / Tattoo / Stambol Express / Champak Odours / Soksu – A Tatarian Rap / Cinc for Laura / Zagora Tangle / Bachschisara Dance / Eastern Legend – Hikaye / Market Town
 
All compositions by Enver Izmailov, except Cinc For Laura & Market Town by Geoff Warren.

Total time: 74:50
Producer: Peter Wiessmueller
Recording: Loft Cologne & Essen

 
     
 

Hier und da, dort und überall
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Das auffallendste an Harvest Moon, an diesem Art of the Duo ist die gelungene Melange von Modernität und Tradition. Hier ereignet sich nicht etwas selbstverständliches. Beide Akteure spielen mit Klängen, schöpfen, entdecken und erfinden diese in der Aktion oft neu, wahrlich im Geiste improvisierter, zeitgenössischer Musik, ja urbanen Jazz. Zusammen verstehen sie es sich freizügig aus den Quellen von Volksmusik und dem Pastoralen zu bedienen – scheinbar bruchlos und gleichzeitig; oft ein Akt der Befreiung aus dem folkloristischen Einheitsbrei: Vorwiegend handelt es sich um traditionelle Volkstänze aus dem osteuropäischen Raum bis China reichend, welche die Faszination für komplexe Rhythmen der beiden Musiker widerspiegeln: Moldavian Tatoo in H Moll oder Scholocho, ein armenischer Walzer oder der vertrackte bulgarische Volkstanz Zagora Tangle. Zagoral Tangle ist ein Paradestück für Geoff Warren’s Flötenspiel; im 13/8 Takt genügt seine Atemtechnik allerhöchsten Ansprüchen, was man auch in Stambul Express genießen kann; ein schier endlos ausgehaltener Flötenton, lässt das Pfeifen eines Zuges erahnen, der hinaus eilt ins weite, offene Land. Ein Mal mehr verschlägt einem auch der Gitarrist aus der Ukraine mit seinen wundersamen Verwandlungen den Atem; basierend auf der Zehnfingertechnik holt er, leicht und grazil aber auch mit dröhnendem Saitenanschlag ein Arsenal verschiedener Klänge aus seiner Gitarre, die den Zuhörer verwirren: Wie aus einem Zauberkasten höre ich eine Tanpura! Aber jetzt sind es plötzlich Tablas oder Congas! Nein, es ist eine Sitar! Oder dann wieder eine Sarod!... aber hier agieren keinesfalls verschiedene Musiker, wie man meinen könnte; nein, es sind auch keine verschiedenen Instrumente, sondern einzig allein das nie zuvor gehörte Spiel auf einer oder zwei Gitarren gleichzeitig des one and only Enver Izmailov.
"Aber wie ich bereits sagte", erläuterte uns Geoff Warren, "ist dies wie die zweite Generation des Enver-Phänomens – denn das erste war ... da kommt dieser Kerl daher, aus irgendwo ... weißt du? ... Und ich soll seine Melodien lernen ... Und wir gehen raus auf die Bühne und spielen. Und es passte. Okay, alles klar. Aber – wohin gehen wir von da aus? Also ist dies hier wie wenn man das Ganze einfach ins Studio holt. Es ist wie einst der Rock zum avantgardistischen Rock weiterentwickelt wurde und es entstehen dann diese "Konzept"-Stücke – wie diese hier, eine Art Ernte unserer Zusammenarbeit. Enver sagte bloß, "Ich habe diese kleine chinesische Melodie ... was willst’n damit machen? Und dann quillt all dieses Zeugs heraus.....!"
Eindruckvoll wird das Verwandeln, das Hin und Her zwischen Vergangenheit und Gegenwart am meisten in Colours of Satsumas zelebriert. Die kleine Suite basiert auf Pentatonik in C-Dur und beschwört eingangs das Genre von Melodien und Arien einer klassischen, chinesischen Oper. Dann aber plötzlich beschleunigt sich die Musik – ein lässiger aber vollständiger Wechsel in eine Jazz- oder Rockidiomatik, ohne die Fünf-Noten-Tonleiter völlig zu verlieren. Wir verlassen die Pagoden kaiserlicher Aristokratie verbotener Städte und tauchen in die urbane Skyline, in den Asphaltjungle der Wolkenkratzer von Shanghai oder Hongkong ein.
Soksu ist ebenfalls ein gelungenes Beispiel dieser Mixtur mit urbanem Schliff, zeitgenössischem Klamauk, zugleich intelligent konzipiert, aber auch virtuos in der Darbietung. Warrens lässiger, englischer Humor schafft die gekonnte Folie, ein Sheet of Sounds, auf dem sich der wilde, verrückte Witz dieses "Goulash Rap" entwickeln kann. Enver verbindet einen traditionellen Stil der synkopierten ad lib bass Vokalisation - aus den mongolischen Steppen Zentralasiens entliehen - mit einem improvisierten widersinnigen Text. Hier gelingt dem Duo jenes seltene, gegenseitige schlagfertige Parieren, das getrost mit der bissigen Skurrilität etwa der Marx Brothers in Verbindung gebracht werden kann.

 

 

 
 

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