| |
Spurensuche oder die Vertreibung aus dem musikalischen Paradiese
If you prefer to read the following in English, please klick here.
Eklektik pur! Etwas, was den Jazz schon immer ausgezeichnet hat. So präsentiert sich das Geoff Goodman Quintett auf seinem zweiten Album Tall Tales & Dreams (Tutu CD 888222). Die musikalische Sprache des Bandleaders ist universell – einer Art musikalischem Esperanto verpflichtet – im besten Sinne. Stilistische Kategorien oder deren Leitplanken sind Goodman’s Sache nicht, spannender findet er die Wegkreuzungen der Jazzhistorie. Und wer sich dem Scout anvertraut wird es nicht zu bereuen haben. Mal sitzt man mit ihm in einem Ferrari, mal in einem Oldtimer – kein Vehikel, kein Gefährt scheint ihm fremd zu sein.
Archetypisches des Jazz-Genres versteht Goodman durch eigene innerliche Befindlichkeiten zu schleusen, zu tradieren - und zu nichts Geringerem als zu einem individuellen Ausdruck zu verschmelzen. Er hat was zu sagen und deshalb hält er nicht hinter dem Berg und schlägt Bögen - leicht und licht - vom Märchen- bis ins Alptraumhafte. Es geht dabei aber nicht nur um die Pfründe, mit denen er versteht auf der Gitarre wuchern, das wäre ihm viel zu wenig. Viel mehr versteht er ganze Band als sein Instrument, sein multiinstrumentelles Ausdrucksmittel, das macht seine Größe aus, das was ihn aus der Masse heraushebt; er rückt damit ein Stück weit näher an die großen Bandleader des Jazz.
Der Transmissionsriemen zwischen dem kreativen Kopf und den Mitspielern sind Goodman’s illustre Kompositionen und komplexen Arrangements, die nicht nur sehr intelligent die Stärken der Mitspieler hervorheben, sondern auch die uralte Kollektivimprovisation aus den Anfängen des Jazz prächtig wiederbeleben; da sprühen die kommunikativen Funken nach Lust und Laune. Rudi Mahall – der Virtuose auf der Bassklarinette – setzt dem Quintett solistische Glanzlichter auf. In dessen Sog wollen die anderen Solisten in nichts nachstehen und laufen zu glänzender Form auf. Dabei herrscht das Prinzip der Reduktion auf das Wesentliche: gegen ausufernde Soli und abgegriffene „Pattern“ aus den Schubladen der Jazz-Verschulung.
Wie es auch nicht anders sein kann, quillt vieles dieser Musik aus Altmeistern, wie aus Ornette, aus Monk oder Mingus; aber Goodman lässt diese – im Stile eines alten Fuchs - immer nur um die Ecke lauern. All die historisch gebundenen Spurenelemente regeneriert er mit eigenen Ideen und dreht diese durch einen kreativen Wolf; herauskommt dann z.B. das skurrile Fifth Chromosome: Alles scheint musikalisch in Bahnen des frühen Ornette zu verlaufen, aber dann weitet plötzlich gesprochene Lyrik den Horizont auf unerwartete Weise; in epischer Rhetorik wird über das Phänomen der Diaspora und deren kuriose Resultate transatlantische Verstreuung von Spermen sinniert; halb ernsthaft, halb travestiert, scheint das Ganze von homer’schen Versmaß inspiriert. Oder wenn er dem alten Swing Gassenhauer Stompin’ at the Savoy vermeintlich die Swingdimension entzieht, indem er einfach die Rhythm-Section weg lässt. Die Frontline aus Gitarre und zwei Bläsern kreiert so ein Feuerwerk von Sounds und lässt eine Art farbenprächtigen Schmetterling entstehen, der mal auf einer exotischen Patina zu ruhen scheint, mal sich zielstrebig in ungeahnte, schillernde Höhen emporschwingt. Ein Leckerbissen.
'Geoff’s World’, seine musikalische Sprache ließe sich so fast durch alle elf Titel des Albums hindurch in musikalische Bilder deklinieren - oder noch besser sollte man beim Hören seine eigenen kreativen Ressourcen entdecken, lernen, seinen eigenen kreativen Impulsen zu vertrauen – so kann diese Musik als ideale Projektionsfläche, als idiosynkratische Spurensuche in eigener Sache dienen. Dass es dabei auch immer um die Vertreibung aus dem (musikalischen) Paradies geht, ist auf den ersten Blick mit unter unbequem, behält aber stets die Bodenhaftung, verliert nie den Aufforderungscharakter, sich weiter nach dem verlorenen Paradiese zu sehnen.
Und nicht zu vergessen: Das Geoff Goodman Quintett hat sich in den letzten Jahren zu einem Faszinosum entwickelt – das Potential der Band besteht mittlerweile aus weit mehr als deren Einzelteilen - Musikern - und schon die lesen sich wie die Who’s Who der mitteleuropäischen Jazzszene. Es ist hier mittlerweile eine komplexe Balance zwischen Form und Improvisation, zwischen Kontrolle und Spontaneität entstanden, die in der gegenwärtigen Szene immer seltener anzutreffen ist und die sich auch in einen unverwechselbaren Sound des Quintetts niederschlägt. Das ist nicht nur als Kompliment an den Bandleader und Komponisten zu verstehen, dieser Stoff taugt auch zu höheren Weihen.
Geoff Goodman Homepage
Eine Rezension finden Sie unter www.schmitz-net.info, wenn Sie in der linken Menüspalte auf den Navigationspunkt 3rd Fret klicken. |
|